Gastwirtschaft und Grundbesitz:
Die infrastrukturelle Bedeutung des Weißen Schwanen
Noch heute ist das ehemalige Gasthaus zum „Weißen Schwanen“ ein stattliches Anwesen. In nördlicher Richtung sind dem Wohngebäude noch zwei Nebengebäude angebaut. Ursprünglich war das Anwesen aber noch größer. Das Nachbarhaus Kulmbacher Straße 4 war einst eine zum „Weißen Schwanen“ gehörige Scheune. Erst 1950 verkauften Dr. Pollmanns Erben dieselbe an Heinrich Renner, der sie zu einer Kfz-Werkstatt mit darüber liegender Wohnung umbauen ließ. Heute dient das Gebäude als Getränkemarkt.
Zum Betrieb einer Gastwirtschaft waren früher viele Nebengebäude notwendig. Vor allem Räumlichkeiten in denen die von auswärts kommenden Gäste ihre Pferde, vielleicht auch ihre Kutschen samt Zugtieren, unterbringen konnten. Der Auszug aus dem Liquidationsplan des Marktes Thurnau aus dem Jahr 1852 zeigt in roter Umrandung die zum unmittelbaren Umgriff des Anwesens gehörenden Grundstücke. Die mit roter Tinte geschriebene Hausnummer 147 kennzeichnet alle zum „Weißen Schwanen“ gehörigen in der Gemarkung Thurnau gelegenen Grundstücke. Die schwarzen Ziffern geben die bei der Katastrierung vergebenen Plannummern der einzelnen Grundstücke wieder.
Nach dem 1854 aufgezeichneten Grundsteuerkataster war das Grundstück mit der Plannummer 354 mit einem Wohnhaus mit Keller, Stallungen, einer Holzremise und einem Stadel bebaut. Diese Gebäude gruppierten sich um einen geräumigen Hofraum. Bei der Plannummer 355 handelte es sich um den „Gras und Wurzgarten vor dem Hause“ und die Plannummer 356 bezeichnete den „Gras- und Wurzgarten hinter dem Stadel“. Interessant ist ferner die blau umringte Engstelle in der heutigen Bahnhofstraße. Sie bezeichnet das 1852 noch existente „äußere Tor“ des Marktes Thurnau. Außer den beiden Gärten gehörten 1854 noch folgende Grundstücke zum „Weißen Schwanen“:
|
Pl.-Nr. |
Benennung des Besitzgegenstandes |
Natur- oder Kulturart |
Flächeninhalt |
|
|
Tagwerk |
Dezimalen |
|||
|
287 |
Grasgarten in der Hopfenleite |
Garten |
0 |
39 |
|
569 |
In der Höhe oder Döllnitzerhöhe |
Acker |
0 |
94 |
|
594 |
Vor dem Hain |
Acker |
1 |
30 |
|
629 |
Vor dem Stöckigholz |
Wiese |
5 |
48 |
|
634 |
Keimsreuth |
Wiese |
19 |
00 |
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635 |
Dietrichsreuth, Retschenreuth, dem Schalksholz und Keulersacker |
Wiese mit Acker |
6 |
94 |
|
663 |
Zeckenweiherwiese beim Petershof |
Wiese |
1 |
92 |
|
675 |
Hinterer Badersberg |
Acker mit Wiese |
3 |
22 |
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676 |
Oberer Badersberg |
Acker |
5 |
41 |
|
677 |
Unterer Badersberg |
Acker |
3 |
65 |
|
678 |
Schmiedsreuthlein unterm Badersberg |
Wiese |
2 |
04 |
|
680 |
Bindersreuth bei der steinernen Marter |
Wiese mit Acker |
3 |
85 |
|
688 |
Im Hegnig |
Wiese mit Acker |
8 |
75 |
|
838 |
Im Hollergründlein |
Wiese |
2 |
51 |
|
839 |
Im Hollergründlein |
Wiese |
0 |
56 |
|
840 |
Im Hollergründlein |
Waldung |
4 |
27 |
|
859 |
Plankenacker |
Acker mit Wiese |
1 |
71 |
Die obige Liste der Grundstücke zeigt ein klares Übergewicht an Wiesen, Grasgärten und Futterflächen. Dieser Landbesitz war keineswegs ein bloßer landwirtschaftlicher Nebenerwerb, sondern das logistische Rückgrat des „Weißen Schwanen“. In einer Zeit, in der Reisende auf Pferde und Kutschen angewiesen waren, fungierte das Gasthaus als zentraler Rastort und energetischer Knotenpunkt der Region.
Um die Zugtiere der Gäste in den weitläufigen Stallungen unterzubringen und zu versorgen, waren enorme Mengen an Futter – insbesondere Heu – vonnöten. Die heute noch sichtbare Größe der ehemaligen Scheune (das heutige Anwesen Kulmbacher Straße 4), die ursprünglich zum Anwesen gehörte, zeugt von diesem enormen Lagerbedarf. So spiegeln die vielen über die Gemarkung Thurnau verteilten Wiesenparzellen direkt die einstige Bedeutung des Anwesens wider: Sie stellten sicher, dass der „Weiße Schwanen“ jederzeit bereit war, Mensch und Tier eine vollumfängliche Rast zu ermöglichen.